Über 500 Jahre alter Fund unter Dielen
1953 stießen Restauratoren im Dormitorium des Klosters auf eine außergewöhnliche Sammlung: mehrere Kinderhemden, insgesamt 17 Lederschuhe und verschiedene Kleidungsstücke, die zeigen, was Menschen am Übergang vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit getragen haben. Besonders elektrisierte die Experten jedoch ein Stück: eine Männerhose aus grobem Leinen, rund 500 Jahre alt und bis heute das einzige erhaltene Exemplar ihrer Art.
Auffallend: die Schamkapsel der Männerhose
Die Hose ist stark verschlissen – ein Hinweis auf die harte körperliche Arbeit ihres einstigen Trägers. Auffälligstes Merkmal ist die sogenannte Schamkapsel, eine Art fester Hosenlatz, wie er in Darstellungen zwischen 1500 und 1520 zu sehen ist und der die Männlichkeit besonders hervorheben sollte. S.Solche Strumpfhosen trugen Knechte, Henker, bäuerliches Volk und Soldaten. Die Abnutzungsspuren der Alpirsbacher Hose passen exakt zu dieser sozialen Gruppe und halfen bei der Datierung des Kleidungsstücks. Übrigens: Schamkapeln waren auch in den höheren Gesellschaftsschichten verbreitet. Auch bei Herrschern.

Kleidung für Bauern und Klosterschüler
Der Fund erlaubt einen seltenen Blick auf die Alltagskleidung der damaligen Zeit. Bauern trugen meist selbst gefertigte Kittel, Hosen und Bundschuhe aus Wolle oder Leinen – schlicht, robust, ohne Verzierungen. Ganz anders sah es bei den Klosterschülern aus: Sie erhielten jedes Jahr neue Kleidung, im Frühling ein Wams und Hosen aus Leinen, im Herbst zusätzlich Mantel, Hut und Schuhe. Ein Schneider besserte ihre Garderobe alle zwei Monate aus, damit die Jungen als angehende Pfarrer einen ordentlichen Eindruck machten.
Mehr als Schutz vor Kälte
Kleidung war im Mittelalter weit mehr als ein Schutz gegen Witterung. Sie zeigte die soziale Zugehörigkeit ihres Trägers. Während bäuerliche Kleidung in zurückhaltenden Farben gehalten war, trugen die höheren Stände farbenfrohe, kostbare Stoffe. Die Alpirsbacher Funde liefern daher nicht nur textile Einblicke, sondern auch wertvolle Hinweise auf das gesellschaftliche Leben der damaligen Zeit.
Für Historiker war der Fund insgesamt ein ganz besonderer Meilenstein, denn mittelalterliche Kleidung war bis dahin selten entdeckt worden und sonst nur aus zeitgenössischen Darstellungen bekannt. Dank des Fundes konnten die Experten besser nachvollziehen, wie Kleidung damals ausgesehen hatte.
Quelle: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg





