Es ist Sonntag im tief verschneiten Furtwangen. Männer und Frauen kämpfen sich durch dichtes Schneetreiben Richtung Kirche – schwer beladen, als wollten sie eher auf eine Expedition als zum Gottesdienst. Und tatsächlich: Für die findigen Schwarzwälder Uhrmacher war der sonntägliche Kirchgang damals gleich doppelt sinnvoll. Beten, ja – aber eben auch Geschäfte machen.
Ein Winterbild, das bis heute nachhallt
Doch der Reihe nach. Entdeckt haben wir diese wunderbare Geschichte im Blog des Deutschen Uhrenmuseums, der immer wieder mit spannenden Einblicken in die Uhrentradition überrascht. Ein Klick lohnt sich: https://blog.deutsches-uhrenmuseum.de Das Museum selbst hat derzeit allerdings wegen Sanierungs- und Umbauarbeiten geschlossen.
Der zugrunde liegende Artikel „Sonntägliche Kirchgang zur Winterszeit im Schwarzwald“ erschien 1896 – also mitten in einer Zeit, in der sich die Uhrenherstellung rasant veränderte. Der Zeichner kannte das Leben der Schwarzwälder Uhrmacher aus eigener Anschauung, und seine Beobachtungen erzählen viel über eine Region im Wandel. Wer heute durch Furtwangen spaziert, kann sich die winterlichen Verhältnisse gut vorstellen. Die Stadt im Schwarzwald-Baar-Kreis zählt zu den schneereichsten Orten Deutschlands.
Doch zurück in die Vergangenheit: Die Illustration stammt von Gustav Heine, einem gebürtigen Furtwanger, der längst im kunstsinnigen München lebte. Sein Beitrag in der Zeitschrift „Das Buch für alle“ (1896/11, S. 260) richtete sich an ein städtisches Publikum – und öffnet uns heute ein Fenster in die Schneewinter des Schwarzwalds.
Kampf mit dem harten Schwarzwaldwinter
In denTexten bekommen wir mit, wie das damals war: „Weg und Steg sind verschneit, man muß sich durch den Schnee arbeiten, um weiter zu kommen, und sinkt oft bis an den Leib in die eisige Schicht. Es wäre jetzt unmöglich, sich zurechtzufinden, wenn nicht zu Anfang des Winters die kleinen Landwege durch eingeschlagene Stangen und Pfähle bezeichnet würden. Um rechtzeitig zur Kirche zu gelangen, muß man schon vor Sonnenaufgang aufbrechen und hinaus in die Eiswüste wandern.”
„Der Kirchgang ist zugleich Geschäftsgang“
Fast alle, die sich da durch den Schnee kämpfen, arbeiten in Heimarbeit für die Uhrenindustrie. Und so liest sich das im Original: „Die Uhrmacher sind Arbeiter der Fabrikanten geworden. Der Fabrikant oder Unternehmer in der Stadt sammelt die Einzelbestandteile der Uhren, die in den Bauernhäusern verfertigt werden. Sie stellen die Uhren zusammen und besorgen den Handel und Vertrieb. Der Kirchgang am Sonntag dient nun den ländlichen Arbeitern dazu, ihre in der Woche fertig gemachten Uhrenbestandteile zu dem Fabrikanten in der Stadt zu bringen, und wir sehen diese Kirchgänger auf unserem Bilde beladen mit großen Tragkörben, Kräzen (Kraxen) genannt, voll von Rädern, Gehäuseteilen, Zeigern, während andere in Säcken die auf Glas gemalten Zifferblätter, Glasschilder benannt, schleppen. Am Ziele angelangt, wird meist nach der Kirche das Geschäft erledigt, die Waren abgeliefert und der Lohn einkassiert“.
Aus Hausgewerblern werden Heimarbeiter
Die Uhrenherstellung im Schwarzwald befand sich damals im Umbruch. 1875 gab es in Furtwangen noch 77 selbständige Uhrmacher, die komplette Uhren fertigten. Drei Jahrzehnte später waren es nur noch vier – dafür arbeiteten bereits 93 Männer und Frauen den neuen Fabriken zu. Die Heimarbeit brachte wenig ein, aber sie hielt viele Familien über Wasser.
Im Artikel liest sich das so: „Jetzt gönnt sich der arme Kirchgänger ein Schöppli Wi (Wein) und ein Bierelaibli (Birnenbrot), und dann geht es wieder durch den tiefen Schnee nach Hause. Dort angekommen erwartet den Heimgekehrten die Nudelsuppe und ein Stücklein Fleisch, das wird mit großem Behagen verzehrt, denn die Woche hindurch sieht der arme Schwarzwälder kein Fleisch auf seinem Tische.“
„Der Schwarzwälder ist lustig“
Ganz nebenbei räumt der Text mit einem hartnäckigen Klischee auf: dem Bild des einsamen, weltabgewandten Tüftlers. Denn, „der Schwarzwälder ist lustig, von fröhlicher Gemütsart und läßt sich so leicht durch diese Strapazen die Laune nicht verderben“. Gustav Heine hat diese Lebensfreude in seiner Zeichnung festgehalten – Menschen, die trotz Schnee, Kälte und schwerer Lasten sonntäglich guter Dinge sind.
Alle Infos über das Museum unter www.deutsches-uhrenmuseum.de






