G’schichtle 27: Georg Thoma: der Olympiasieger als Fluchthelfer

Georg Thoma (links) verhalf Ralph Pöhland vor genau 50 Jahren zur Flucht Georg Thoma (links) verhalf Ralph Pöhland vor genau 50 Jahren zur Flucht Foto: picture-alliance/DOSB (links) | Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (rechts)

G’schichtle 27: Georg Thoma: der Olympiasieger als Fluchthelfer

19. Januar, 1968, vor fast auf den Tag genau 50 Jahren, im Teamhotel der Ski-Nationalmannschaft der DDR "Zu den drei Schweizern" in Les Bioux in de französischen Schweiz, wo das Team an Wettkämpfen im nahegelegenen Les Brassus teilnimmt. Es ist eine Nacht, in der hier deutsch-deutsche Sportgeschichte geschrieben wird.

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Es ist kurz vor Mitternacht. Der Weltklasse-Kombinierte der DDR, Ralph Pöhland, die große Medaillenhoffnung der Ostdeutschen bei den bevorstehenden Olympischen Spielen in Grenoble, sagt zu seinem Zimmerkollegen: „Ich muss mal frische Luft schnappen“. Es scheint ihm nicht gut zu gehen. In Wirklichkeit ist es aber der Beginn einer abenteuerlichen Flucht in den Westen.
 
Sein Fluchthelfer ist kein Geringerer als Georg Thoma, der Olympiasieger in der Nordischen Kombination 1960 und Weltmeister von 1966. Den kannte Pöhland von Wettkämpfen und hatte ihn bereits vor zwei Jahren gefragt, ob er ihm bei der Flucht helfen könne. Alle bisherigen Überlegungen hatten sich dann aber zerschlagen. Doch an jenem 19. Januar trifft Thoma Pöhland an der Sprungschanze in Les Brassus und sagt zu ihm: „Ich bin da. Heute können wir. Ich organisiere das.“
 
Ein paar Stunen später nachts im Hotel: Auf dem Gang hört Pöhland die Trainer von unten aus dem Restaurant nach oben kommen. Kurzerhand öffnet er das Fenster und springt hinaus. Plötzlich hat er Scheinwerfer im Gesicht, bekommt panische Angst. Doch dann sieht er Georg Thoma in ein paar Metern Entfernung in seinem Auto, einem grünen Porsche 911. Pöhland steigt ein und die beiden brausen davon, nachdem sie zuvor nochmals kurz angehalten hatten, um die Koffer von Pöhland, die der am Abend in der Nähe des Holtes heimlich im Schnee eingegraben hatte, mitzunehmen. Immer noch da: die Scheinwerfer. Thoma beruhigt den Freund: „Das sind keine von der Stasi, die sind vom ZDF.“ Der legendäre Reporter Bruno Moravetz hatte von dem Fluchtplan erfahren.

Stunden später kommen Thoma und Pöhland in Hinterzarten an. Mehr als ein Jahr lebt Pöhland in der Folge bei der jungen Familie. Der Schwarzwälder hilft dem Freund finanziell und beruflich auf die Beine, besorgt ihm Jobs und wird dabei von den Sportverbänden in Westdeutschland zunächst ziemlich im Stich gelassen. Deren Hoffnung, dass Pöhland 1968 bei den Olympischen Spielen statt für die DDR nun für die Bundesrepublik auf Goldjagd gehen kann, hatte sich zerschlagen, nachdem das IOC den Start nicht erlaubt hatte. Nachdem Pöhland schon in der DDR als Sportsoldat in der Nationalen Volksarmee gedient hatte, wird er in der Folge schließlich in die Bundeswehr übernommen. Dort wird er Feldwebel im Skizug der Ausbildungskompanie 7/10 der 10. Panzerdivision in Todtnau-Fahl im Schwarzwald und wirkt als Trainer für Spitzensportler. Unter anderem trainiert er Spitzensportler wie Urban Hettich und Georg Zipfel. Pöhland stirbt 2011 im Alter von 64 Jahren.

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